

Ab Mitte der 20er Jahre forcierten Annie Besant und ihre getreuen Begleiter den ganzen "Messias-Kult" in der Theosophischen Gesellschaft, kündig-
ten die Gründung einer neuen Weltreligion und einer Weltuniversität an und 1927 erklärte Mrs. Besant vor der amerikanischen Presse, dass "der
Geist Gottes wieder herabgestiegen wäre - in einem Mann namens Jiddu Krishnamurti". Indessen hatten die Reden des "neuen Weltlehrers" immer
weniger mit der othodoxen und okkulten Lehre der Theosophie zu tun.
Am 3. August 1929 löste Jiddu Krishnamurti beim alljährlichen Camp im holländischen Ommen in einer Ansprache an mehr als 3000 versammelte
Mitgliedern den "Order of the star" auf.
Anfang der 30er Jahre begann man Jiddu Krishnamurti als weltlichen Philosophen zu betrachten, der allen religiösen Glaubenssystemen ablehnend
gegenüberstand und viele treuen Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft vertraten die Meinung, das Erscheinen des "Weltlehrers" sei widerlegt.
Bis 1938 führten umfangreiche Vortragsreisen Krishnamurti rund um den Globus, die nun von seinem Freund Rajagopal und dessen Frau Rosalind
organisiert wurden.
Beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges hielt sich Krishnamurti im kalifornischen Ojai auf, wo er gegenüber der US-Einberufungsbehörde erklären
musste, weshalb es ihm nicht möglich war, in die amerikanische Armee einzutreten und zu kämpfen. Seine Abschiebung nach Indien scheiterte an
fehlenden Transportmöglichkeiten und man erlaubte ihm zu bleiben - mit der Auflage, keine öffentlichen Reden zu halten und sich regelmäßig bei
der Polizei zu melden. Bis Mitte der 40er Jahre zog sich Krishnamurti weitgehend zurück und verbrachte oft viele Wochen in einer einsamen Holz-
hütte in der Wildnis, wo er meditierte und yogische Praktiken ausprobierte, um dies schließlich alles als sinnlose Spielerei zu verwerfen.
Im Herbst 1947 kehrte Jiddu Krishnamurti nach Indien zurück. Bei seinen Gesprächsrunden und Vorträgen bildete sich allmählich eine feste Grup-
pe aus Sozialarbeitern, Intellektuellen und ehemaligen politischen Aktivisten um ihn, die ihn künftig unterstützen sollten und auch mit der Leitung
und Gründung indischer Schulen aktiv wurden. Krishnamurti bezeichnete später diese ersten Jahre in Indien als die Zeit seines "vollständigen
Erwachens", in der sich seine Art zu lehren und zu reden entwickelte.
Ab den frühen 50er Jahren hielt sich Krishnamurti abwechseln in Madras, Indien, und Ojai, Amerika, auf, von wo aus er unzählige Vortragsreisen
in alle Welt unternahm. Tausende Menschen kamen zu seinen Reden und er führte auch unzählige Gespräche mit bekannten Persönlichkeiten aus
Wissenschaft, Religion, Kunst, Philosophie und vielen anderen Suchenden unterschiedlichster Herkunft.
Anfang der 60er Jahre gründete eine Gruppe von Anhängern seiner Lehre in der Schweiz ein Zentrum. Es war 1961 der Beginn seiner alljährlichen
Reden in Saanen, wo er 25 Jahre lang sprechen sollte und Menschen aus ganz Europa anzog. Hier entstand auch in Zusammenarbeit mit einer
englischen Gruppe die Idee einer europäischen Schule, die schließlich als Brockwood Park School in England realisiert wurde.
Zwischen 1968 und 1970 wurden die Krishnamurti Foundation Trust in England, die Krishnamurti Foundation of America und die Krishnamurti
Foundation of India gegründet.
Die weltweit schwelenden Konflikte und Kriege in den 70er Jahren veranlassten Jiddu Krishnamurti zu großer Sorge. Er sprach nun zunehmend
von der Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen der gesamten Menschheit und forderte seine Zuhörer auf, den kausalen Zusammen-
hang zwischen individuellem und globalem Konflikt zu erkennen.
Im Februar 1974 ergab sich eine ungewöhnliche Gelegenheit für einen Dialog. In San Diego begannen Krishnamurti und Alan W. Anderson, ein
amerikanischer Professor für Religionswissenschaften, eine Gesprächsreihe, die auf Video aufgezeichnet wurde und in der es um Angst, Begierde,
Meditation, Verstand und viele andere Themen ging, über die Krishnamurti Diskurse hielt. Dies waren die vielleicht tiefsten und besten Dialoge,
die Jiddu Krishnamurti geführt hatte. Aus den Gesprächen entstand neben einer Videoreihe auch das Buch "Anders leben".
Auch zu Beginn der 80er Jahre verfügte der nun über 85 Jahre alte Krishnamurti über einen frischen und unermüdlich forschenden Geist, um sich
mit Themen wie Zeit und Gehirn zu beschäftigen. Vehement trieb er seinen alternden Körper voran und er erklärte, dass seine Aufgabe des Re-
dens erst dann enden würde, wenn dieser endgültig verbraucht sei.
1985 erkannte Krishnamurti die ersten Vorzeichen des herannahenden Todes und verkündete bei seinen alljährlichen Vorträgen in Saanen, dass
das seine letzten Gespräche in der Schweiz seien. Sein Körper verfiel zusehends und bald wog er nur noch 79 Pfund.
Am 4. Januar 1986 hielt Jiddu Krishnamurti seine letzte Rede in Madras, Indien, wo er vor Tausenden von Menschen das Ende seines Sprechens
ankündigte. Am Abend seines Abflugs nach Ojai unternahm er am 10. Januar einen letzten Spaziergang am Strand von Adyar, Madras, wo er vor
fast 78 Jahren von Charles Webster Leadbeater entdeckt worden war. Am Ende seines Spaziergangs nahm er langen Abschied von den vier Him-
melsrichtungen, drehte sich nach Süden, Norden, Osten, Westen - in jenem feierlichen Lebewohl, das man in alter Zeit die "Drehung des Elefan-
ten" genannt hatte. Am 17. Februar 1986 starb Jiddu Krishnamurti, beinahe 91 Jahre alt, in Ojai. Sein Körper wurde verbrannt, die Asche ge-
teilt und in Ojai, Brockwood und in Indien an drei Orten am Ganges verstreut.